Grabsteininschrift auf jüdischem Friedhof ergänzt

Gutta Rothschild war die erste Frau im Ausschuss einer Spessartbund-Ortsgruppe

Aschaffenburg. Außergewöhnliche Gäste fanden sich in der jüdischen Abteilung des Aschaffenburger Altstadtfriedhofs am 24. Juni ein: Familie Cohen-Ronen aus Neuseeland besuchte anlässlich ihres Europa-Besuchs das Grab ihrer Vorfahren Gutta und Rebecka Rothschild. Das Besondere dabei: Der Spessartbund ließ auf Initiative der neuseeländischen Verwandtschaft die Grabinschrift ergänzen. Dr. Gerrit Himmelsbach für den Spessartbund, Oded Zingher, Vorsitzender des Vereins “Jüdisches Leben in Unterfranken – Biographische Datenbank e. V.” sowie Dr. Joachim Kemper für die Stadt Aschaffenburg begrüßten die Familie und stellten den umgestalteten Grabstein vor.
Im April 2024 erreichte den Spessartbund ein Mail aus Wellington, der Hauptstadt von Neuseeland. Sa’ar Cohen-Ronen erforscht seit längerer Zeit die Geschichte seiner jüdisch-deutschen Familie, die ihre Ursprünge in Frankfurt sowie im Spessart hat, in Sommerau, Fechenbach und Aschaffenburg. Der Familienname war Rothschild. Wie die meisten dieses Namens waren sie nicht mit den berühmten Bankiers verwandt, sondern bestritten ihren Lebensunterhalt als Kaufleute und Händler der Mittelklasse. Im Rahmen seiner Recherche stieß Sa’ar Cohen-Ronen auf die Geschichte von Gutta Rothschild, der Cousine seines Urgroßvaters. Gutta war die erste Frau, die von 1920 bis 1933 in den Ausschuss des Vereins der Spessartfreunde e. V. 1880 Aschaffenburg berufen wurde, wie in der Vereinschronik auf der Website des Spessartbundes zu lesen ist (https://spessartbund.de/juedische-mitglieder-im-spessartbund/).

Das Geschwisterpaar Rebecka und Gutta Rothschild war in Aschaffenburg zuhause. Gutta, geboren am 11. Januar 1872 in Aschaffenburg, verzog zwar zwischenzeitlich nach Berlin, kam aber 1910 wieder hierher zurück und betrieb eine Schneiderei in der Elisenstraße 11. Dort erinnert ein „Stolperstein“ an sie.  Gutta war nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Sie lebte zusammen mit ihrer älteren Schwester Rebecka. 1924 starb diese im Alter von 57 Jahren. Obwohl sie ledig war, wurde sie in einer Doppelgrabstätte beigesetzt. Die Inschrift auf ihrem Grab bedeckte nur die Hälfte des Grabsteins, denn Gutta beabsichtigte, neben ihrer Schwester begraben zu werden. Leider musste Gutta noch das nationalsozialistische Terrorregime erleben. Sie wurde im Alter von 70 Jahren im September 1942 nach Theresienstadt deportiert und im Oktober 1942 in Treblinka ermordet. Das Doppelgrab in Aschaffenburg ist erhalten geblieben, nur eine Person ist dort begraben. Der Grabstein ist noch intakt und in gutem Zustand, war aber nicht vollständig.

Da weder Gutta noch Rebecka direkte Nachkommen hatten, gerieten Guttas Geschichte und das Doppelgrab in Vergessenheit. Mithilfe von Oded Zingher konnte nun die Grabinschrift in hebräischen und lateinischen Schriftzeichen mit den Daten zu Gutta Rothschild ergänzt werden. Zusätzlich weist eine kleine Tafel auf ihre Mitgliedschaft im Verein der Spessartfreunde hin.

Es ist ein einmaliger Vorgang in Unterfranken, dass die Beschriftung eines Doppelgrabes auf einem jüdischen Friedhof nachträglich um den Namen der Person ergänzt wird, die das Grab hat anlegen lassen. Unterstützt wurde das Projekt vom Verein Jüdisches Unterfranken e. V., Spessartfreunde e. V. 1880 Aschaffenburg, dem Steinwerk Hirte, dem Landesverband Israelitischer Kultusgemeinden in Bayern, den Bezirk Unterfranken sowie mithilfe großzügiger Spenden der Stadt Aschaffenburg und der Sparkasse Aschaffenburg-Miltenberg.

Im Anschluss konnte Sa’ar Cohen-Ronen weitere Grabsteine seiner Familie auf dem Friedhof identifizieren. Ein gemeinsamer Stadtrundgang zum Schloss Johannisburg und zum Stolperstein von Gutta Rothschild sowie ein gemeinsames Essen beschloss den Besuchstag. Die nächste Station auf den Spuren der Geschichte ihrer jüdischdeutschen Familie führte die Cohen-Ronens nach Eschau.

 

Text: Gerrit Himmelsbach

 

 Grabstein vorher nachher: Der Grabstein vor und nach der Ergänzung

Foto: Spessartbund

Familie Cohen-Ronen wird auf dem jüdischen Friedhof begrüßt

Foto: Carsten Seidel

 Oded Zingher (links) erläutert der Familie die geänderte Inschrift

Foto: Carsten Seidel