Familien im Spessartbund

 

Einleitung

Wandern ist „in“. Das sieht man, wenn man sich in Wald und Flur bewegt. Das bestätigen die Meinungsforscher. Nicht immer ist Wandern aber organisiertes Wandern in Vereinen. In der Beliebtheitsskala steht es wohl auch nicht ganz oben bei Jugendlichen, eher noch bei Kindern in jungen Familien, wenn es über den erlebnisarmen Sonntagsausflug hinausgeht.
Der Spessartbund zählt unter seinen mehr als 16.000 Mitgliedern etwa 2000 Kinder und Jugendliche, wobei für Jugendliche das für Jugendförderungsmaßnahmen übliche Höchstalter von 27 Jahren gilt.
In seiner Satzung hat der Spessartbund als Zielformulierung seiner Arbeit unter anderem festgehalten: „Pflege des Wanderns für jedermann, vor allem des Jugend-, Familien- und Seniorenwanderns“. Für jeden also etwas, aber doch nicht für jeden das Gleiche!
Wenn der Spessartbund das Familienwandern als besondere Aufgabe betrachtet, steht dahinter sicher die Erkenntnis, dass die Stärkung der Familie eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe ist. „Familie“ ist unter Berücksichtigung des gesellschaftlichen Wandels immer da, „wo Kinder sind“.
In der Familie machen Kinder und Jugendliche ihre für das Leben prägenden Erfahrungen. Aufgabe des Staates, der Gesellschaft, der organisierten Verbände und Vereine ist es deshalb, Familien Unterstützung bei dieser so entscheidenden Sozialisation zu geben.
Viele Ortsgruppen des Spessartbundes betonen mit ihrem besonderen Angebot für Familien deren hohen Stellenwert und die Wichtigkeit sozialer Bindungen. Nachdenklich stimmt dabei einerseits die nicht nur vereinzelt gemachte Erfahrung, „dass es nicht möglich scheint, junge Familien mit Kindern für das Wandern und das Erleben in der Natur zu interessieren“ – so im Bericht über eine Jahreshauptversammlung Anfang 2006 zu lesen. Andererseits gibt es Erfahrungsberichte (Februar 2012) mit der zentralen Aussage „Junge Familien auf Erfolgskurs“, dem Lob des Vorsitzenden über die aus 24 Familien bestehende „Abteilung Junge Familie“ für neue Ideen und kräftiges Zupacken und der Vorstellung der geplanten Aktivitäten mit Nachtwanderungen, Kanutour, Besuch eines Barfußpfades und Events mit Übernachtungen.
Man sieht also, dass Negativ-Erfahrungen nicht verallgemeinert werden dürfen und dass jede Ortsgruppe, wenn sie nur geeignete Verantwortliche findet, durch stärkere Orientierung an den Bedürfnissen der mitwandernden Kinder, die im Erlebnis das Nörgeln vergessen, gegensteuern kann.
Antwort muss man zunächst auf die Frage geben: Wozu kann eine familien- und kindgerechte Wanderung einen Beitrag leisten? Kinder erleben Bewegungsfreude, sind in frischer Luft, können Freude durch körperliche Leistung erfahren, ihre Stärken und Schwächen kennen lernen, Naturerfahrungen durch intensive Naturkontakte machen, Pflanzen und Tiere entdecken, eine unbekannte Umgebung erkunden, ihre Heimat kennen lernen, Kontakte mit gleichaltrigen, jüngeren und älteren Kindern knüpfen, soziale Fertigkeiten entwickeln, Freude am Entdecken haben. Gemeinsame Erlebnisse stärken auch die Familienbande.
Was kann ein Wanderverein nun tun, wenn er sich um Familien mit Kindern bemüht? Was sollten Verantwortliche bei ihrem familien- und kindgerechten Angebot beachten?
Zunächst einige Überlegungen über das, was man nicht machen sollte: Mit den Angeboten der Konsumindustrie, die Kinder und damit auch Eltern an das Handy, den Fernseher, den Computer, das Internet, die Disko, den Vergnügungspark, die Mode … fesselt und so tut, als sei jeder Wunsch sofort erfüllbar, können und dürfen wir nicht auf gleiche Weise konkurrieren. Schon deshalb nicht, weil technik- und kostenintensive Veranstaltungen in der Regel wenig mit Natur und körperlicher Bewegung zu tun haben und auch finanziell nicht geschultert werden können. Das Unterwegssein mit der Familie auf Wanderungen sollte der ökonomischen Vereinnahmung des Menschen und der Entfremdung durch Naturferne ein Gegenmodell entgegensetzen. Für Familien zählen auch nicht die gewanderten Kilometer, nicht der genaue Zeitplan, nicht die asphaltierte Straße oder der gut ausgebaute steile Forstweg. Väter, Mütter und ihre Kinder haben andere Interessen: sie suchen kürzere Wegstrecken, unter Umständen auch kinderwagengerechte Wege, kostengünstigere Verpflegungsmöglichkeiten, gleichgesinnte Mitwanderer. Letztlich entscheidend ist, dass das Erlebnis vor dem Ergebnis kommt.
Erlebnispädagogik ist also gefragt. Wie aber kann eine Wanderung zu einem Erlebnis werden? Wo können Kinder ihren Spieltrieb und ihren Bewegungsdrang ausleben? Wo eine Entdeckung machen? Bei der Vorbereitung einer Wanderung für Familien mit Kindern muss man mit „Kinderaugen“ schauen. Wo gibt es also interessante Zwischenhalte, wo ist ein Teich, wo ein Bach, der zu Wasserspielen einlädt, wo ein Ameisenhafen, wo ein Fels, wo eine Höhle, wo eine Burg, wo eine Wildkräuterwiese, wo ein Hang zum Rutschen, wo Baumstämme zum Balancieren? Traut man sich nach dem Sammeln von Kräutern an ein selbst zubereitetes schmackhaftes Menü? Kann man Rate- oder Zählspiele über Pflanzen oder ein Ballspiel einplanen? Können durch einfache Aktionen Riech-, Seh-, Tast- und Geschmackssinn geschärft werden?
Bei allen diesen Aktivitäten ist wichtig, dass auch Eltern oder Großeltern in die Planung, in die Spiele und Entdeckungen einbezogen werden, damit die Wanderung ein gemeinsames Erlebnis wird. Familienwandern kann so zum „sozialen Kitt“ werden, der zwei oder drei Generationen zusammenhält.
Man muss aber nicht nur an Spiel und Spaß beim Wandern denken. Das gemeinsame Grillen und Singen oder gar Geschichtenerzählen am Lagerfeuer hat noch nichts von seiner Faszination eingebüßt. Basteln, Musizieren, Theaterspielen, Tanz, Zirkus, Zaubern, T-Shirts bedrucken, Stockbrot backen, an einem Projekt mithelfen (Bachlauf renaturieren, Ameisenhaufen anlegen, Nistkästen aufhängen und beobachten, eine provisorische Brücke bauen, eine Benjeshecke anlegen, ein Insektenhotel bauen, einen Lesesteinhaufen für Eidechsen errichten, „Würzberre“-Sträuße oder Palmbuschen binden, einen „Köhlboz“ schnitzen…), all das bringt Abwechslung und aktiviert Fähigkeiten. Selbst ein Museumsbesuch, wenn er gut vorbereitet ist und greifbare Erfahrung im Umgang mit der Vergangenheit zulässt, findet Interesse. Der pädagogische Zeigefinger darf sich bei all dem nicht rühren. Das gemeinsame Erlebnis und die geforderten kognitiven Fähigkeiten „erziehen“ gleichsam nebenbei.
Auf einem der letzten Deutschen Wandertage wurde ein eigenes, breit gefächertes Angebot für junge Familien entwickelt. An den Themen „Kinderwagentour, Feengrotte mit Glasbläser, Burgfest/Ritterspiele, Naturlehrpfad Wasser, Auf den Spuren des Altsteinzeitmenschen, Wandern mit Flößen, Hexengrund und Buchwälder“ konnte man die Umsetzung des Mottos „Wandern ist Vielfalt“ erkennen.
In einer ganzen Reihe von Ortsgruppen des Spessartbundes gibt es feste Familiengruppen, lockere Zusammenkünfte von Familien und Angebote für Familienwanderung. Schaut man in die Wanderpläne findet man familienbezogene Veranstaltungen wie „Schmieden in der Nacht“ mit Schwedenfeuer und Grillen am Lagerfeuer, Bastelwochenende auf Burg Breuberg, Bembelfahrt, Auf den Spuren der Römer, Wir suchen Palmhasen, Kartoffelbraten, Zum Wildpark in Kleinauheim, Dem Biber auf der Spur, Faschingswanderung, Jahreszeitliches Basteln, Kinderolympiade, Abendwanderung, Rodelwochenende, Fahrradtour, Bergwerksbesuch in Bieber.
„Wer die Jugend hat, hat die Zukunft“ heißt es oft. Aus der Sicht des Spessartbundes könnte man auch sagen: „Wer die Familien hat, hat die Zukunft.“ Es ist unbestritten, dass eine gute Jugend- und Familienarbeit hilft, neue Mitglieder zu gewinnen und die Ortsgruppen zu verjüngen. 
Im Vordergrund der Bemühungen um diese wichtigen Zielgruppen darf aber nicht zuerst der Blick auf den Spessartbund und dessen Chancen stehen, sondern immer zuvorderst die vielfältigen Chancen für das eigene Leben, die aus dem Mitmachen im Wanderverein Jugendlichen und Familien erwachsen. Die vielen ehrenamtlich Tätigen tun ihre Arbeit um der Zukunft der Jugendlichen und Familien willen. 

Familienkongress 2010 im Spessartbund

Wie wichtig dem Spessartbund das Thema „Familie“ ist, zeigt sich auch in der Ausrichtung des bundesweiten Familienkongresses „Familien für Familien“ durch den Spessartbund im Jahre 2010.
Ziel des Kongresses war es, in der Diskussion Wege zu zeigen, wie man Familien stark machen kann für die vielfältigen Möglichkeiten und Chancen, die unsere Gesellschaft, speziell in den Wandervereinen unter dem Dach des Deutschen Wanderverbandes, bietet.
Eine zentrale Frage war, wie  die Vernetzung der Generationen in der Familiengruppe und die Integration in die Jugend- und Ortsgruppenarbeit der Gebietsvereine gefördert  und Presse und Öffentlichkeit für einen positiven Umgang mit dem Thema „Familienarbeit in den Wandervereinen“ sensibilisiert werden können.
In Vorträgen, Teilnahme an Workshops und Diskussionsforen wurde den über 100 Teilnehmern, darunter Kinder und Jugendliche im Alter bis zu 16 Jahren, ein breites Wissen für ihre Arbeit in ihrem Gebietsverein und in unserer Gesellschaft vermittelt.

Arbeitskreise für Erwachsene


In diesem Arbeitskreis wurden folgende Schwerpunkte behandelt:
1.    Wie gründe ich eine Familiengruppe,
    Familiengruppe – was kommt danach?
2.    Erlebnispädagogik in der Familienarbeit
3.    „Kinder stark machen“ – Mentaltraining für
    Familien
4.    Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

1. Wie gründe ich eine Familiengruppe?

Durch den anstehenden Generationswechsel in den Ortsgruppen ergibt sich für viele die Chance der Gründung einer Familiengruppe. Um den Familiengruppenleitern das entsprechende Basiswissen zu vermitteln, bekommen Neueinsteiger anhand von praktischen Beispielen Möglichkeiten einer Neuorientierung innerhalb der Ortsgruppe vermittelt. Aufgezeigt und erarbeitet wurden Möglichkeiten zur Gründung einer Familiengruppe am Beispiel von bestimmten Veranstaltungen.

Familiengruppe – was kommt danach?

Wenn Jugendliche in die Pubertät kommen und verstärkt ihr Eigenleben entwickeln wollen, stehen sowohl Eltern als auch Jugendliche vor der Aufgabe, sich neu zu orientieren. Um in der Gemeinschaft bleiben zu können, müssen beide (Eltern und Jugendliche) lernen, mit ihren „neuen Freiheiten“ umgehen zu können. Wichtig ist es, Methoden und Wege zu erarbeiten, um den Übergang in Jugend- bzw. Erwachsenengruppe zu ermöglichen.

2. Erlebnispädagogik in der Familienarbeit

Familien wollen ihre Freizeit gemeinsam erleben. Dafür ist ein Wanderverein bestens geeignet.
Erlebnispädagogik ist eine Art der Pädagogik, die ausgewählte Erlebnisformen realisiert, um Erziehungsdefizite auszugleichen und bestimmte pädagogische Ziele zu erreichen. Sie gilt heute als integrativer Bestandteil ganzheitlicher Erziehungs- und Bildungskonzepte. An praktischen Beispielen wurden die unterschiedlichen Methoden gezeigt und praxisnah realisiert.

3. Kinder stark machen – Mentaltraining für Familien

Unsere Kinder und Jugendliche sind in ihrem Alltag oft großen Belastungen ausgesetzt. Schulstress, Verhaltensauffälligkeiten, Ängste und Schlafstörungen nehmen  zu.
In diesem Workshop konnten wir lernen, das innere Gleichgewicht wieder zu finden, uns zu entspannen und zu konzentrieren, uns selbstbewusst zu fühlen, Selbstvertrauen aufzubauen und mit Ängsten umzugehen.
Mentaltraining bedeutet: Training des Geistes durch bewusstes Lenken der Gedanken. Positive Gedanken ziehen positive Ereignisse an – negative Gedanken negative Ereignisse!

Kinder sind noch neugierig, wollen entdecken, fragen, erleben. Sie lassen sich begeistern. All diese Fähigkeiten sollen verstärkt werden.

4. Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Das Sprichwort „Tue Gutes und rede darüber“ unterstreicht die Wichtigkeit und die Notwendigkeit von Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auch in der Familienarbeit. Presse- und Öffentlichkeitsarbeit heißt auf sich aufmerksam zu machen, um dadurch andere für seine Aktivitäten und Ziele zu begeistern. Deshalb wurden in diesem Arbeitskreis die Grundlagen und das allgemeine Wissen dazu geschaffen. Durch eigenes Schreiben von Presseartikeln lernten die Teilnehmer nach der Theorie auch die Praxis kennen.
Für die Kids standen auf dem Programm:
Nachtwanderung mit Fledermausbeobachtungen, das Lamawandern, Korbflechten, Klettern in der Kletterhalle und GPS-Erlebnisführung. Außerdem gab es Mitmachtheater, Riesenkicker, Traumreisen und eine spannende Zaubervorstellung.

Familienfest 2011 am Echterspfahl

Das Familienfest in Echterspfahl war ein Renner.
500 Teilnehmer (Erwachsene und Kinder) aus der ganzen Region bekamen eine bunte Mischung mit vielerlei Aktivitäten aus den Bereichen Natur, Wald, Kräuter und Kultur und vor allem viel Spaß und Geselligkeit geboten.
Trotz des regnerischen Wetters erfreuten sich die Erwachsenen und besonders die Kinder an den Angeboten im Rund-Parcours und Niedrigseilgarten, an: Bodentiere im Totholz, Waldgeister aus Ton, Sägespiel, Märchenecke, Kräuterstand, Baummeditation, Geocaching mit Karte und Kompass, Baumrätsel, Armbrustschießen und nicht zuletzt an den Tierpräparaten der Waldbewohner.
Die im Wechsel stattfindende Themenführungen mit der Kräuterpädagogin Morgane Bannöhr fanden sehr guten Anklang.
Einer der Höhepunkte dieses Festes war das Gastspiel  des  StoryStage-Märchentheaters  aus
Aschaffenburg. Das Ein-Mann-Theaterstück „Igel Willys Apfeltraum“, vorgetragen von Günter Geisler, war für Groß und Klein ein Erlebnis. Gut 120 Zuschauer verfolgten die Naturerlebnisse eines Igels, der seine Weggefährtin Kröte nicht überzeugen kann, dass Äpfel eine Leibspeise sind.

Familien bringen neuen Schwung in die Wandervereine

Die offizielle Begrüßung fand unter Bezug auf das „Internationale Jahr des Waldes“ am Forsthaus Echterspfahl statt. Hier sprachen Klaus Bernhard für das Amt für Ernährung, Landwirtschaften und Forsten Karlstadt (Außenstelle Lohr) und Georg Fuchs für die Jägervereinigung Aschaffenburg.In den Begrüßungsansprachen hoben die Redner die Bedeutung des Waldes hervor: Er ist Erholungsraum. Er liefert den nachwachsenden Rohstoff Holz, ist Energiequelle und Baustoff. Ein ausgewogenes Weltklima sei nur durch gesunde Wälder zu sichern. Der 2. Vorsitzende des Spessartbundes, Helmut Winter, sprach von der Wichtigkeit der Familienarbeit in den Wandervereinen: Familien bringen neues Leben und neuen Schwung in die Wandervereine und machen sie zukunftsfähig. Sie sind das tragende Netz für Kinder, Fundament einer verantwortungsbewussten Gesellschaft.

 

Man kann nicht in die Zukunft schauen, aber man kann den Grund für etwas Zukünftiges legen.
(Zitat von Bernd Euchner, SAV)

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